"Balance"

von Andrea Fromm (Kunsthistorikerin /Hamburg)

Julian Schäfer setzt sich in seinen Bildern mit der Morphologie der Erscheinungsformen auseinander. Er kreiert mikrokosmische und makrokosmische Aufnahmen von amorphen und biomorphen Bausteinen, die sich im Zustand dauernder Veränderung befinden. Wie in einer mikroskopischen Ansicht beobachtet er Stoffe und Substanzen, ihre Zusammensetzungen und Reaktionen. 

Der künstlerische Entstehungsprozess, der Umgang mit dem Material und das Verhalten bestimmter Materialien stehen deshalb im Mittelpunkt seines Schaffens. Was auf den Bildern wie die Darstellung einer chemischen Reaktion erscheint, wird von J.Schäfer in Wirklichkeit gewollt initiiert. Denn die Bildfläche dient ihm als Experimentierfeld für die Reaktionen von unterschiedlichen Materialien. Dazu benutzt er Stoffe, die sich gegenseitig abstoßen oder verbinden, so dass sie sich in einer Art gelenktem Zufall auf der Bildoberfläche verteilen. Oder er setzt ein Bild direkten Witterungseinflüssen aus. Mit dieser natürlichen Einwirkung auf Farbe und Leinwand wird das Bild zu einem organischen Versatzstück der Natur. 

Die Basis für die Darstellungen werden insofern von den Materialeigenschaften nach einem Zufallsprinzip gestaltet. Pate stehen dabei der Automatismus des Surrealismus und insbesondere Max Ernst, der durch Frottage und Decalcomanie phantastische und imaginäre Welten schuf. Bei Julian Schäfer verschmelzen dadurch Arbeitsweise und Thema, Inhalt und Form seiner Werke. Aus der Wechselwirkung der Materialeigenschaften ergeben sich chemische Abläufe, die gleichzeitig zu einem Symbol des natürlichen, organischen Kreislaufs von Entstehung, Veränderung und Auflösung werden. Sie dokumentieren die elementaren biologischen Vorgänge und weisen auf das allem Organischen und Anorganischen zugrundeliegende universelle Schöpfungsmuster hin. 
Über die Bedeutung des Materials hinaus, verweisen die Bilder Schäfers auf eine übergeordnete Dimension. Denn Julian Schäfers bildnerisches Denken verbindet das Chtonische mit dem Kosmischen. Er erreicht dies durch die Einführung eines Bildmittelpunkts, von dem eine farbliche Fixierung oder eine Licht-und Sogwirkung ausgeht. In einigen Werken ist die Bildmitte durch ein Rechteck oder einen Kreis gerahmt.. Was wie ein Durchgang oder ein Tor zum Unendlichen erscheint, trennt materielle und transzendente Welt. Schäfer versöhnt damit Ratio und Imagination, Mythos und Wirklichkeit, Aufklärung und Magie, Geschichte und Gegenwart, sowie Denken und Empfinden. Beide Sphären stehen bei ihm in direkter Wechselwirkung: Das Materielle und Dingliche betont er durch eine haptische Komponente, die der Leinwand Dreidimensionalität und Objektcharakter verleiht. Die Bildmitte hebt Schäfer durch eine Lichtwirkung bzw. eine hellere Farbnuancierung hervor. Auch seine Kohlezeichnungen, in denen er meist mit dem Schwamm arbeitet, zeichnen sich durch eine hohe Transparenz aus. 

Das grundlegende Interesse für Form und Struktur entwickelte Julian Schäfer bereits während seiner Arbeit als Designer für Tabakspfeifen. Neben der Produktion von Sammler-Unikaten entstanden erste eher figurative Skulpturen aus Holz. Diese wichen aber bald Objekten in Ambivalenz zwischen vegetativer und kristalliner Formgebung . 
Da es Schäfer um Bewegung und Entwicklung sowie das Zusammenwirken von Formen und Stoffen geht, entwickelte er neben den statuarischen und unbeweglichen Skulpturen Mobiles aus Holz und Acryl, beeinflusst durch Arbeiten Alexander Calders. Und während er in den frühen Jahren als Material Holz favorisierte, faszinierte ihn jetzt in zunehmendem Maße die Transparenz und Lichtdurchlässigkeit von Acryl, bzw. die Kombination von durchsichtigen und nicht transparenten Werkstoffen. 

Im Gegensatz zu seinen Bildern, die eine freie Komposition besitzen, da der Umgang mit dem Material im Vordergrund steht, kommt es bei den Mobiles auf äußerste Präzision und Berechnung an. Trotzdem schafft er eine Verbindung zu den Bildern, da sich das Trennende zwischen Ordnung und Chaos in seinem Gesamtwerk aufhebt. Denn beide bezeichnen einen fortwährenden Prozess von Zusammenfügung und Auflösung und sind lediglich die äußeren Punkte eines Wirkungskreises, da auch dem Chaos elementare Gesetzmäßigkeiten und ein festes Schema zugrunde liegen. 

Seit 2001 verwendet er Acrylplatten für die Produktion von Bildobjekten. Dazu legt er mehrere dünne, monochrom bemalte und als Collage behandelte Acrylplatten übereinander. Diese erweitern in ihrer Durchlässigkeit das zweidimensionale Bild um weitere Ebenen. Das Hintereinanderliegende des "Mehrere-Schichten-Bildes" operiert dabei mit Sehgewohnheiten und Sinneseindrücken . Plastisch wirkende und im Bildraum scheinbar schwebende Objekte sind gleichzeitig wie in einem Eisblock erstarrt .





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